Lipide sind im Gehirn mehr als passives Baumaterial. Sie bilden Zellmembranen und das Myelin um Nervenfasern und tragen zur Signalübertragung bei. Ein EPFL-Team kartierte in einer am 23. September veröffentlichten, begutachteten Nature-Studie 172 Lipide in 109 Schnitten aus 11 Mäusegehirnen. Aus etwa 7,2 Millionen Messpunkten entstand ein dreidimensionaler Atlas.

Die Auswertung teilte das Gewebe nach ähnlichen Lipidmischungen in 539 Bereiche ein, die die Autoren Lipizonen nennen. Einige entsprechen bekannten anatomischen Regionen, andere machen Unterschiede in der weißen Substanz sichtbar oder verbinden Nervenzellkörper mit entfernten Enden ihrer Fasern. Der Atlas ergänzt Zell- und Genaktivitätskarten um eine chemische Ebene. Die Zahl bedeutet nicht, dass 539 zuvor unbekannte Gehirnteile entdeckt wurden.

Bei drei trächtigen Mäusen beobachtete das Team veränderte Lipidmuster in mehreren Regionen, besonders in Hirnrinde und weißer Substanz. Aus dieser kleinen Gruppe und einem untersuchten Zustand lässt sich weder auf Veränderungen im menschlichen Gehirn während einer Schwangerschaft noch auf deren Ursache schließen. Die Studie liefert weder eine Behandlung noch einen Test für neurologische Erkrankungen.

Der öffentlich zugängliche Atlas könnte Forschenden helfen, Lipidmuster bei Entwicklung, Alterung und Krankheit gezielt zu untersuchen. Nötig sind unabhängige Wiederholungen, weitere Arten und direkte Verbindungen zwischen chemischen Karten und Zellfunktion. Erste vergleichende Folgestudien könnten optimistisch binnen zwei bis fünf Jahren erscheinen; für eine Anwendung beim Menschen gibt es keinen belastbaren Zeitplan.